Objekte & Installationen

Ihr Slogan

W  I  R

eine Installation zur Multiplen Persönlichkeit

Zwei zurechtgeschnittene, leicht gebogene und rotbraun besprühte Metallgitter bilden einen Torso, der auf der Rückseite rot eingefärbte Einkerbungen aufweist. Der Körper ist auf einer achteckigen, schwarzen, drehbaren Holzplatte befestigt. In dem Torso sind überwiegend Tier- und Menschenfiguren angeordnet, z.T. auf der Holzplatte, einige am Metallgitter des Torsos. Die jeweiligen Öffnungen auf der Vorderseite des Torsos sind alle unterschiedlich gestaltet. Innen hängt eine schwarze Box mit einer sitzenden Jungenfigur darin. Drei Tiere stehen auf einer Art Treppe aus Metallgitter. Vor einem mit wenig Kupferdraht umwickelten Holzkreuz steht ein LED-Teelicht, welches sich ein- und ausschalten lässt. Alle Figuren sind zwar an ihrem Platz fixiert, der Sessel mit der Frau im roten Kleid kann allerdings bewegt werden. Im Innern des Torsos hängen schwarze Gardinen.

Die Installation WIR basiert auf meinen Erfahrungen als Psychotherapeut mit Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung (DIS), welche nach schweren Traumata entstehen kann. Wie bei allen psychischen Störungen gibt es unterschiedliche Pathogenesen und Ausprägungen, aber in der Regel findet sich ein Initialtrauma mit einer ersten Persönlichkeitsaufspaltung. Diese hat die Funktion, die nicht zu verarbeitenden Leidensemotionen auszulagern. Ist die Selbstkonsistenz gebrochen, reichen oft geringere Belastungen für die Abspaltung weiterer Persönlichkeitsanteile. Der Wechsel von einer Teilpersönlichkeit in eine andere unterscheidet sich je nach Person und Situation. Er ist zudem nicht vergleichbar mit einer Stimmungsänderung, wie es die meisten Menschen kennen. Jede Teilpersönlichkeit hat ihren eigenen Charakter, eigene Vorlieben und eine eigene Erinnerung.


WIR zeigt eine Multiple Persönlichkeit zu Beginn einer Psychotherapie. Nach meiner Erfahrung findet jede PatientIn im Verlauf der Therapie einen eigenen Weg, mit ihrer speziellen Persönlichkeit umzugehen. Eine Patientin hat sich von ihren vielen Teilpersönlichkeit nach und nach verabschiedet, andere wollen das gerade nicht, sondern finden einen Weg, als viele gut zusammenzuleben, wieder andere spüren mit der Zeit eine gewisse Integration.

In der Installation finden sich Teilpersönlichkeiten unterschiedlicher PatientInnen verfremdet und frei zusammengestellt wieder, so dass ein Zusammenhang mit einer real existierenden Person nicht möglich ist. Sie ist allerdings nicht unrealistisch, da die hier umgesetzte Kombination von Teilpersönlichkeiten durchaus bei einem Menschen vorhanden sein könnte. Auch bei der Auswahl der Symbole für die Darstellung der Teilpersönlichkeiten habe ich mich an dem orientiert, was ich in den Therapiegesprächen kennengelernt habe. Die Installation soll auch ein Dank an all diejenigen Menschen sein, die mir erlaubt haben, zusammen mit ihnen ihr - oft recht komplexes - Inneres kennenzulernen. Für diejenigen, die sich z.B. über viele innere Stimmen, über Zeitverlust und unerklärliche Einkäufe wundern, kann sie eine Anregung sein, hierzu einen ersten Zugang zu finden. Sie wendet sich auch an PsychotherapeutInnen, da viele die Dissoziative Identitätsstörung im Sinne der Multiplen Persönlichkeit entweder nicht wirklich kennen oder ihre Existenz sogar negieren.

Solange die Diagnose einer dissoziativen Identitätsstörung nicht fachkundig gestellt und die einzelnen Persönlichkeitsanteile sich nicht im Verlaufe der Therapie gezeigt haben, sind sowohl der „kooperierenden“ Person als auch allen anderen die Existenz der vielen Teilpersönlichkeiten nicht bekannt. In der Regel gibt es höchstens den subjektiven Eindruck mehrerer, manchmal streitender innerer Stimmen. Dieses Nichtvoneinanderwissen soll durch die schwarzen Gardinen symbolisiert werden. Einige Teilpersönlichkeiten stehen weiter im Vordergrund, zeigen sich eher, aber unterschiedlich direkt und offen, was durch die jeweilige Öffnung im Torso bzw. die Positionierung auf dem Metallgitter zum Ausdruck kommt. Andere halten sich im Hintergrund oder verstecken sich lieber. Die Einkerbungen auf der Rückseite sollen an frische Narben erinnern und damit an die Leiden, die erst zu einer derartigen Persönlichkeitsaufspaltung führen. Die Installation lässt sich drehen, da eine Multiple Persönlichkeit nur erfasst werden kann, wenn man sie ganzheitlich betrachtet.

Literatur

Michaela Huber 2010: Multiple Persönlichkeiten. Junfermann.
Michaela Huber (Hrsg) 2011: Viele sein - ein Handbuch. Junfermann.
Ursula Gast/Gustav Wirtz (Hrsg) 2016: Dissoziative Identitätsstörung bei Erwachsenen. Klett-Cotta.

Ein sehr informatives Video mit einer Betroffenen aus der Reihe "Die Frage" finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=3HrUtDDNKDQ

Die für WIR verwendeten Figuren und Gegenstände symbolisieren den Charakter der Teilpersönlichkeiten, so wie er mir beschrieben wurden. Um möglichst authentisch zu bleiben, werden überwiegend Namen und Symbole verwendet, die den ursprünglichen möglichst ähnlich sind. Ihre Verwendung wurde mit den betroffenen PatientInnen abgestimmt. Im Folgenden werden die Teilpersönlichkeiten kurz vorgestellt.

Im vorderen Bereich die vier Teilpersönlichkeiten, die jeweils eine Ahnung haben, dass da außer ihnen noch andere sind und die versuchen, hilfreich zu sein:

Sonnenschein: Gastgeberin, Außenvertreterin, kooperativ, möglichst unauffällig.
Johann: versucht, den Alltag zu managen, hat aber wenig Energie und kommt oft nicht durch.
Gläubige: Kreuz mit Licht, hat Kontakt zum Göttlichen, findet dort Halt.
Mondfrau: hilft mit ihrer starken spirituellen Kraft.

Vorne außen die drei starken, aber egoistischen Teilpersönlichkeiten:

Lady Madonna: 14 jährige, aufmüpfige, alberne Jugendliche, steht gerne im Vordergrund.
Eisprinzessin: ohne Alter, kühl, emotionslos, fühlt sich unangreifbar.
Die gegen den Wind reitet: wild, rebellisch, selbstbewusst, aber ohne Zugang zu dem, was sich im Innern abspielt.

Unten die Kleinen mit ihren Helfertieren:

Piepchen: Ente, weiß um das Initialtrauma, kann aber nicht sprechen.  
Wanderfalke: warnt Piepchen mit lautem Kreischen.
Zwillingsbabys: stellen sich tot, unklar ob sie noch leben.
Zwei Kinder: haben sich etwas Unbeschwertes bewahrt, spielen gerne.
Geronimo: versucht, mit aggressivem Gebaren die Kleinen zu beschützen. 

Durch Tiersymbole dargestellte Teilpersönlichkeiten:

Nimmersatt: Nilpferd, stillt seinen unersättlichen Hunger nach Zuwendung durch Essattacken.
Panikerin: Gans, reagiert panisch auf (drohenden) Kontroll- und Selbstverlust; in beständiger innerer Übererregung.
Zweifler: Wolf, zermürbt sich beständig mit Selbstzweifeln, dies kann sich bis zum inneren Wolfsgeheul steigern; will dadurch vor Fehlentscheidungen schützen.
Analytikerin: Adler, kann aus der „Vogelperspektive“ eine andere Sicht einnehmen; denkt klar und analytisch; versucht, Gefahr zu erkennen und das innere Verletzliche zu schützen; kann aber Gefühle und Körpersignale kaum wahrnehmen.

Der Einsamste:

Junge: allein in einem dunklen Verlies.

Die Destruktiven:

Pfeil: nach innen gerichtet, selbstverletzend.  
Alc: trinkt und raucht, soviel er will.
Großer Mann: Täter-Introjekt, böse, rücksichtslos, selbstbezogen.
Shadow: dunkle Energie im Hintergrund; unklar, ob er den Täter anspornt oder zurückhält.




 

Sonnenschein


Johann

Gläubige, dahinter Piepchen und sein Helfertier


Mondfrau

Lady Madonna

Eisprinzessin

Die gegen den Wind reitet

Babys, Kinder und Geronimo

Nimmersatt

Gans, Wolf und Adler

Einsamer Junge und Pfeil

Alc

Täter-Introjekt, dahinter Shadow